Rückblick 2018

Die Kernaussagen der Reformation und die Haltung der Person Martin Luther
Luther ist für eine gefundene Wahrheit eingetreten, hat sie offen und öffentlich vertreten (können). Eine wackere Haltung hat ihn lebenslang ausgezeichnet.

Es gibt nicht mehr die Wahrheit. Es gibt nur Wahrheiten, für die Einzelne mit guten Gründen eintreten und zu denen sie als Basis für ihr konkretes Denken, Handeln und Fühlen gefunden haben. Erst die Aufklärung in Deutschland (insbesondere Mendelssohn, Lessing und Kant haben respektiert, nicht nur ertragen (tolerare), dass es andere Einsichten und Aussichten, Thesen und Antithesen, Differenzen und grundlegende Widersprüche gibt.

Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Glaube lebt wesentlich von Gewissheiten, nicht von Beweisbarem.

Der Wittenberger Reformator beharrte auch stur auf seinen Sichtweisen, auf seinen Erkenntnissen, auf seine im Glauben gewonnene Ein-Sicht. Der Glaube behauptet. Er beweist nicht.
Wahrheitssucher sind in der Regel tolerant, Wahrheitsbesitzer nicht.

Luther hat sich als ein von innen her Befreiter erfahren, nachdem er bis ins Innerste hinein voll von Ängsten, Zweifeln und Selbstzweifeln beherrscht gewesen ist.
Er kam 1520 zu der Erkenntnis, dass der Christenmensch ein freier Herr aller Dinge sei und niemandem untertan und dass ein Christenmensch zugleich jemand ist, der ein Knecht aller wird, jedermann untertan ist.
Das ist nichts anderes als das christliche Ineinanderverwobensein von Glaube und Liebe.

Du bist ein dienstbarer Knecht. Du brauchst dich nicht mehr vor Gott zu beweisen, auch vor anderen nicht, sondern tust einfach das Fällige, das Nötige, das Einsichtsvolle, das Hilfreiche, das über den Tag hinaus Gültige. Du schaust nicht ungewiss, unsicher, ängstlich nach rechts und links, sondern tust, was dir vor Augen liegt - in eigener, freier Verantwortung.

Und du tust es nicht auf ein Verdienst, gar auf eine Belohnung hin, sondern weil es dich fordert, weil du spürst, dass du "unbedingt" gefordert bist. Und du erlebst, wie du wächst an dem, was du tust.

Gott stellt dich frei. Er gibt dir keine Zensuren. Er erlässt dein
(Ver-)Fehlen und lässt Dich zuversichtlich leben.
Gott hat den fröhlichen Sünder lieb, weil ein fröhlicher Sünder sich nicht zum Heiligen machen muss, sondern entschlossen und risikobereit zu handeln wagt.
So hat Bonhoeffer "Stationen auf dem Wege zur Freiheit" formuliert und damit genau das zusammengefasst, was Luther gemeint hatte, als er den Grund und die Folgen innerer Freiheit benannte. Es geht nach Bonhoeffer darum, "mit Gott Schritt zu halten" und nach der Maxime zu handeln:
Wie Gott mir, so ich dir. Dazu gehört unabdingbar, nicht im Möglichen zu schweben, sondern das Wirkliche tapfer zu ergreifen.

Friedrich Schiller hat diesen Zusammenhang von innerer und äußerer Freiheit aufgegriffen und vom "Atem der Freiheit" gesprochen.
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, müsse man sich fürchten.
Wer nur die äußere Kette gebrochen hat, legt nach aller Erfahrung neue Ketten an - sich selbst und anderen – sowie er dazu Gelegenheit hat.
Vor dem freien Menschen, der von innen her frei ist und freigesprochen wird, den freien Blick – auch auf seine eigenen Defizite und Verfehlungen - hat, vor dem brauche man sich nicht zu fürchten.

Nicht wenige Freiheitskämpfer mutierten zu Kerkermeistern und wollten das anderen antun, was sie selbst erlitten hatten. Revolution wurde so zur Schlüsselübergabe an Gefängnistüren.

Sag, was wahr ist

Was heißt das? Sag es: Frei. Offen. Laut. Leise. Klar.
Was wahr ist. Jedenfalls nicht das, was erkennbar, bewusst unwahr, gelogen, verlogen, falsch, verdreht, propagandistisch "gefakt" ist.

Sag, was gesagt werden muss, habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen.
Sag es! Flüstere und murmele nicht.

Was Reformation will?
Dass wir uns auf unsere Wurzeln besinnen, Bewährtes weitertradieren, Überholtes hinter uns lassen, vom Äußerlichen zum Innersten vorstoßen.
Dass wir hinter uns lassen, was nicht tauglich war und was nicht mehr tauglich ist.
In den Mittelpunkt stellen, was Leben hilft, dir selbst und deinen Nächsten.
Dass wir strikt hinter uns lassen: die Phobien und Ängste, den Untertanengehorsam und die Rechthaberei.

Sag, was wahr ist!? Was Luther uns zu bedenken gibt
1. Die Konzentration aufs Wesentliche und das Ringen darum, was uns als das Wesentliche und was uns als das Unwesentliche gilt, wie wir uns davor bewahren, uns im Unwesentlichen zu verlieren, zu verstricken, zu verbrauchen, zu verlaufen.

2. Glauben aufs Wort. Das Wort hat Strahlung, das Wort hat Kraft, das Wort schenkt Orientierung, eröffnet Zukunft. Es trägt, es orientiert es motiviert.

3. Auf jeden kommt es an. Nimm dich wichtig, denn du bist wichtig genommen.

4. Mündigkeit brauchst du und gewinnst du nur durch Bildung. Durch Selbstbildung, durch Wissenserweiterung, durch Urteilsfähigkeit, durch Fertigkeiten und Dialogfähigkeit.

5. Die Musik vertreibt den Trübsinn und damit auch den "Teufel" des Selbstzweifels. Luther wurde als Theologe zum Sänger des Glaubens.

6. Der in sich verkrümmte Mensch ist der zugleich zum aufrechten Gang befähigte und ermutigte Mensch.

7. Mut haben, schonungslos auf den selbstvergessenen und verfallenen Menschen zu sehen, seine Abgründigkeit nicht leugnen. Dem Menschen ist allein durch Gnade ein grundlegend neuer Weg möglich, nachdem er einen schonungslosen Blick auf die gefährdete, gefährliche und gefährdende Kreatur wirft, der er selbst ist. So kann selbst das defizitäre Menschenbild zu einem Bild werden, das etwas Befreiendes enthält, wenn der "arme, elende sündige Mensch" sich der Gnade Gottes anvertraut und von Herzen darum bittet, ein neuer zu werden. Der alte Adam wird zum neuen Menschen.

8. Gott kam in diese Welt. Der christliche Gott ist der Gott aus der Krippe, der Gott am Kreuz, der Gott der Menschen im Osterlicht, die brüderlich einander das Leben teilen, indem sie das Brot teilen.
"Er wird ein Knecht und nicht ein Herr, das mag ein Wechsel sein." (EG...) Das ist der fröhliche Wechsel und Streit. "Er liegt dort elend nackt und bloß in einem Krippelein." (EG ...) Dieser Gott ist gleichzeitig der unbegreifliche, unfassbare, ins Unerreichbare, in Unendlichkeiten Hineinragende. "Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen?!" (Psalm 8,1)
9. Was ist ein Gott? Woran du dein Herz hängst. Gott ist all das, was dich unbedingt angeht. (Paul Tillich)

10. "Der ewig reiche Gott" ist der soziale Gott. Sein Attribut ist Liebe, Barmherzigkeit, Versöhnung, Vergebung, Demut. Im Mitgefühl mit Leidenden, Hungernden, Verfolgten erfährt der Mensch sich selbst als Mit-Menschen.

Luther ist stark geprägt von der sogenannten Theologie der coincidentia oppositorum (Duns Scotus). Das heißt: Wir leben im Schon und Noch-Nicht. Wir sind Sünder und Gerechtfertigte. Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Wir sind Freie und wir sind Knechte aller. Gott ist ein offenbarter Gott und ein uns völlig unbegreiflicher (deus absconditus und deus revelatus).
Der Glaube braucht keine Werke.
Aber den Glauben gibt es nicht ohne Werke.

Die Abgründe Luthers
1. Er ist der Rechthaber von Wittenberg, gegenüber Karlstadt, Müntzer, Zwingli, Erasmus und gegenüber der ganzen römisch-katholischen Kirche. Der Mutige und Diskussionsfreudige ist auch der Verbohrte geworden.
2. Aus seiner Auslegung des vierten Gebotes "Du sollst Vater und Mutter ehren", macht er eine Untertanenideologie mit verheerenden Folgen.
3. Der anfängliche "Judenfreund" ist aus Enttäuschung gegenüber den Juden, die nicht Christen werden wollten, zu einem rasenden Judenhasser am Ende seines Lebens geworden.
4. Er ist der Phobische, Maßlose, Besessene, Polemische und zugleich der Freie, der Befreiende, der getröstete Tröster und Mitfühlsame.

Die Provokationen des Martin Luther heute
Jeden Menschen kommt von Gott die gleiche Würde zu. "Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott an ihm eine große Tat tun will". (Luther in der Auslegung des Magnifikat))Ein Einzelner kann Recht haben - gegen Mehrheiten und die mächtigen Institutionen. Das Gewissen ist eine Instanz, der jeder in eigener Verantwortung folgen muss und das die Maßstäbe braucht.Die Habsucht ist ein leitendes Handlungsmotiv in der Geldwelt, die nur nach Zwecken, nicht mehr nach Sinn fragt.Die Konzentration auf das wenige, wirklich Wichtige richtet sich gegen jedes religiöse Brimborium (adiaphora!).Die viva vox steht über und gegen die episkopale Vorschrift, die das tote Dogma rezitiert.Das Zeugnis der Bibel (sola scriptura) gegen das römische Lehramt (roma locuta- causa finita).
Die zehn Gebote sind nicht bloß als Grenzbeschreibung dessen zu verstehen, was wir Menschen nicht sollen, sondern auch, wofür sie eintreten. Zum Beispiel sollst du nicht nur nicht töten, sondern dich auf jede Weise für das Leben einsetzen.
Nicht der stolz aufgereckte, moralisch gute, im Bußsakrament ausgelöste Mensch, sondern der zum Subjektsein berufene, der aufgerichtete und verantwortliche Mensch, ist der zur Freiheit Berufene (Gal. 5,1-6).
Das Gute ist um seiner selbst willen, nicht um eines himmlischen Gewinns willen zu tun (Rm 12). Die Barmherzigkeit Gottes wird zur praxis pietatis.
Das Heil wird nicht erarbeitet, sondern geschenkt.
Es bleibt nicht konsequenzenlos. Es gilt, "mit Gott Schritt zu halten". (Bonhoeffer)
Der Mensch ist auf sich selbst gesehen der homo incurvatus in se ipse.
Wir Menschen sind Reittiere. Wer oder was reitet uns? (Erasmus gegen Luther!)

Wer Krieg anfängt, der ist im Unrecht. Alles zu tun, "dass nur Frieden bleibe", ist unser Auftrag. "Der Friede Christi regiere in unseren Herzen". (Kol. 3,15)

Christen ist aufgetragen, mit dem Wort handelnd einzugreifen.
"Die Schreibfeder soll die Kaiserin" sein.
Zwischen geistlicher und weltlicher Macht ist strikt zu unterscheiden, aber sie bleiben beide unauflösbar miteinander verbunden:
- in ethischer Orientierung,
- in den Haltungen und Handlungen des einzelnen mündigen Menschen,
- in der Relativität menschlicher Macht,
- im Schutz des äußeren Bestandes,
- im gegenseitigen Respekt vor dem Glauben des je anderen,
- im Wächteramt der Kirche, die ohne moralische Selbstüberhebung einspricht, wo zu widersprechen oder zu unterstützen ist,
- in der Aufhebung der Gelübde für Mönche und Priester, auch des
Gelübdes zur Ehelosigkeit.

Der offene Tisch des Herrn
Eine Perspektive nach 500 Jahren Trennung: wir laden gegenseitig an den offenen Tisch des Herrn.
Unsere Abendmahls- bzw. Eucharistiefeiern gestalten wir als etwas Fröhliches und Fröhlichmachendes. Gemeinsames Bemühen um eine überzeugende und anziehende Gestaltung des Abendmahls.
1. Schöpfungslob und Dankbarkeit (Psalm 104)
2. Gemeinschaftserfahrung der Kommunikanten erleichtern (1.Kor.
3. Abwendung von der einseitigen Abschiedsmahlzeit mit Buße und
Sündenvergebung und Hinwendung zur Kommunion im miteinander
geteilten Brot und Wein.
(vgl. den Reformationsaltar in der Wittenberger Stadtkirche)
4. Der soziale Aspekt des Miteinanderteilens und Mitteilens der Güter
dieser Welt ist in die Eucharistiefeier einzubeziehen,
5. Jesu ruft uns alle an seinen Tisch!
6. "Am Anfang war das Wort" (Johannes 1, 1-3.14) ist in unsere Mahlsfeier
aufzunehmen.

Kernsätze Martin Luthers
1. Der Glaube ist und soll auch sein ein Stehfest des Herzens, das da nicht wackelt, zappelt, bebt, sondern fest steht und seiner Sache gewiss ist.
2. Es geht um Gewissheit, nicht um Sicherheit, also nicht um securitas, sondern um certitudo.
3. Das in sich gekrümmte Wesen kann aufgerichtet werden und sich aufrichten in Glauben, Hoffnung und Liebe.
4. Dein Gott ist das, woran du dein Herz hängst.
5. Sei, der du bist und lebe fröhlich immer im memento mori.
6. Gott ist ein Backofen voller Liebe.
7. Alles geht mit dem Wort, nichts mit Gewalt.
8. Der Mensch kann immer auch als Einzelner gegen die Mehrheit Recht haben.
9. Unser Tun kann scheitern, aber Zuversicht hilft standhaft zu bleiben.
10. Der Friede Christi kann unsere Herzen erfüllen.
11. Der Friede ist machbar und kann uns vor Schaden bewahren.
12. Die Schöpfung ist wunderbar. Wir sollen sie bestaunen, bewahren und nutzen.
13. Das Brot für die Welt schmeckt. Es reicht für alle, wo wir alles teilen.
14. Die Hoffnung lässt nicht zuschanden werden.
15. Es ist Zeit, ein Apfelbäumchen zu pflanzen.

Wir Menschen haben Augen zu sehen, Ohren zu hören, einen Kopf zum Denken, ein Herz für die Barmherzigkeit und die Solidarität, einen Mund zum Sprechen und Widersprechen, zum Fragen und Loben.

Wir können selbständig handeln, gemeinsam um die Wahrheit ringen, einander praktisch helfen und der Natur, von der wir leben, in der wir leben, mit der wir leben, wieder eine Stimme geben, die nicht herrschaftlich ist.

Luthers Wortmacht und die Machtworte der Zeit

Luther unterwarf sich nicht jenen, die zu sagen beanspruchten "was Fakt ist". Was er suchte, war die Wahrheit, auch die Wahrheit in der Unterzeile, das Tief-Gründige im ganz Alltäglichen.
(Wer in der DDR aufgewachsen ist, kennt die demagogische, mit Machtanmaßung angereicherte Redeweise "das ist doch Fakt". Das war Funktionärssprache derer, die ideologisch bestimmen konnten, was als Fakt zu gelten habe. Und wo die Widersprüche zu schwierig wurden, herrschte die Funktionärs-Redewendung vor: "Das musst Du dialektisch sehen".)

Gegenüber den Mächtigen meinte er ganz prinzipiell: "Man muss entweder den Großen in der Welt die Wahrheit gar nicht sagen. So würde die göttliche Majestät beleidigt. Oder, wenn man sie sagt, so wird man beschuldigt, als ob es nicht um der Wahrheit willen, sondern die Majestät zu beleidigen und die Gewalt zu schwächen geschähe. So muss notgedrungen ein Prediger der Wahrheit allezeit entweder bei Gott oder bei den Hohen dieser Welt Anstoß erregen."
Wer am Hofe zu predigen habe, solle flugs schreien und klagen. "Will man einmal nicht hören, dass man noch einmal suppliziere. Denn Bescheidenheit und das Evangelium gehören nicht gen Hofe, sondern man muss böse, unverschämt sein, klagen und geilen. Man muss Mose mit den Hörnern zu Hofe setzen, nicht Christum, der freundlich und gütig ist."
Also den Oberen soll man ruhig kräftig mit dem Hinweis auf Recht und Gesetz in die Parade fahren, damit diese das freundliche Wort Christi verstehen. Dies sind ganz andere Töne, als man sie vom sogenannten "Fürstenknecht" Luther erwartet.
Jenen, die die vielen Köpfe ängstigen, rät er, niemanden anzusehen, wenn er auf den Predigtstuhl steige, sondern "zu denken, es seien eitle Klötze, die da vor mir stehen, und rede meines Gottes Wort dahin". Das einfältige Reden sei eine große Kunst, die man von Christus lernen solle, "denn der redete vom Ackerwerk, vom Senfkorn und benutzte viele Gleichnisse aus dem Leben eines Bauern... Wenn ich auf die Kanzel komme, so gedenke ich nur, den Knechten und Mägden zu predigen. Wenn man aber den Hochverständigen predigen will, …., so steht das arme Volk gleich wie eine Kuh!"
Zuweilen muss man dem gemeinen Volk nicht nur aufs Maul schauen, sondern auch einmal aufs Maul hauen. Der "Herr Omnes" ist wetterwendisch. Er lässt sich betören, verführen und betrügen. Prediger brauchen mündig gemachte Hörer, die nicht zu allem "Ja und Amen" sagen, aber auch von ganzem Herzen Amen sagen, wo sie der Sache gewiss geworden sind - durch das Wort Gottes, durch dessen Schärfe und Güte.

Aber sich und anderen nicht verschleiern was ist, was mit bloßem Auge klar ist, was persönliche (Selbst-)Verschleierung ist, das hat das Märchen Andersons "Von des Kaisers neuen Kleidern" auf eine tiefe Ironieebene und eine scharfsinnige politische Kritikebene gehoben, Volk wie Führung lächerlich machend:
Wer nichts sähe, nicht sähe, wie schön das Ergebnis monatelanger Arbeit sei, der sei für sein Amt nicht geeignet oder einfach dumm.
Da treffen Eitelkeit und Angst zusammen. Wer mag schon zugeben, dass er dumm und ungeeignet ist.
Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, sie hätten Recht; aber er dachte bei sich: "Nun muss ich die Prozession aushalten." Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

„Erzähl doch keine Märchen!“ Das ist eine geläufige Redewendung, um eine Lüge, Falschmeldung, Gedankenfantasie, Unwahrscheinlichkeit, Unwahrheit zu kennzeichnen.
Das Märchen muss herhalten als Synonym für erfundenen Quatsch oder für überschäumende Fantasie.
Heute haben wir millionenschwere Fakes (übersetzt: Fälschungen), politisch wirksame Lügereien, bewusste Falschmeldungen, die besonders diejenigen begierig aufgreifen, die die geläufige Presse pauschal als „Lügenpresse“ beschimpfen, aber selber jede Lüge glauben, bloß weil sie auf ihrem Smartphone – gänzlich ungefiltert, nicht überprüft - erschienen ist, bei facebook zu posten ist.

Es ging Luther darum, dass Mächtige des Wortes hörbar zu machen und nicht das Wort machtvoll an sich zu reißen.
Er las die Schrift existentiell und predigte deshalb menschennah.
Das Wort sollten sie "lassen stahn", also solche Leute, die es für sich bloß zu benutzten trachteten, es instrumentalisierten oder verdunkelten.
Die kürzestgefassteste Predigt Luthers besteht aus drei Imperativen:
Gar. Klar. Wahr.

Iss, was gar ist.
Trink, was klar ist.
Sag, was wahr ist.

Und was er dann dachte, sagte, tat, das war geerdet, deutlich, bildreich, zupackend.
Luther scheute sich nicht davor, sich mit den Mächtigen anzulegen, obwohl er nach 1525 und wegen 1525 die staatliche Autorität nicht grundsätzlich in Frage stellen wollte aus Angst davor, dass die Macht von den Ohnmächtigen „verkehrt“ gebraucht würde.
Und der andere, geradezu populär gewordene Imperativ stand in der Zeit nach Luther an Innenseiten der Kanzeltüren:
Tritt frisch auf, mach´s Maul auf, hör bald auf“.

In der gesitteten Sprache lautet das Original, dass der Prediger den Mund aufmache, daß er etwas zu sagen habe und dass er aufzuhören wisse - vor allem, damit die Leute nicht wegblieben, weil sie keine Lust auf längliche Sermone hatten. Es sollte immer so geredet werden, dass die Gemeinde – jeder bei sich selbst - sagen würde:
Ich würde ihn gern noch einandermal hören.

Luther hat im Jahr 1521 ganz und gar auf das Wort gesetzt und auf das Argument, nicht auf Dekrete oder – aufs Heute bezogen - Twitter.
Rom wollte ein Machtwort, das nicht nur Ketzerei bedeutete, wenn er sich nicht zu Widerruf entschlossen hätte. Und er widerruft nicht, weil er nicht gegen seine Überzeugung handeln will, was er in seinen berühmten Invokavit-Predigten, nach der Rückkehr nach Wittenberg im Jahr 1522, noch einmal unterstreicht: dass es um Kopfrecht und nicht um Faustrecht geht, dass in religiösen Dingen keine Gewalt angewandt werden dürfe,
dass man nicht gegen das Gewissen handeln könne.

Fontane hat das in einem "protestantischen" Gedicht aufgegriffen:
Tritt ein für deines Herzens Meinung
Tritt ein für deines Herzens Meinung
Und fürchte nicht der Feinde Spott,
Bekämpfe mutig die Verneinung,
So du den Glauben hast an Gott.

Wie schwer haben es heute Texte (wie die 2000 Worte vor 50 Jahren in Prag) meinungsbestimmend und dialogmächtig zu werden, wo sog. „soziale Medien“ weltweit meinungsbestimmend und die Auswürfe von Donald Trump so niveaulos, unberechenbar und sprunghaft in Atem halten, wo der mächtigste Mann der Welt unentwegt twitternd Welt-Politik macht, wo bisher geltende Werte, geschlossene Verträge oder internationale Gepflogenheiten gedanken-los über Bord geworfen werden.

Was gilt noch? Und wohin wird die Welt geführt werden, wo sogenannte alternative Fakten und nicht die nachweisbare Wirklichkeit zählt, wo Unflätigkeit ungestraft, rhetorisch massenwirksam - durchgehen und große Völker sehenden Auges in Vordemokratisch-Autoritäres zurückfallen?

Ein Machtwort kann nämlich in einer undurchsichtigen, verfahrenen und unlösbaren Situation hilfreich sein, wenn es die Verantwortlichen nicht dazu verführt, aus der Machtposition heraus neues Leid zuzufügen, grundsätzlich mundtot zu machen oder Angst zu verbreiten.

Und es gibt Worte, die behalten trotz des Missbrauchs Autorität, die haben eine Aura, eine Ausstrahlung, die können aufrühren und beruhigen, bestärken, aufrichten, ermutigen… Sie haben einen Mehrwert (behalten).
Sie lassen wieder Hoffnung erblühen. Denken wir nur an die drei universalen Leuchtworte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – trotz des großen Terrors bleiben diese drei. Und diese drei auch:
Glaube. Hoffnung. Liebe.

Friedrich Schorlemmer

Luther- für uns, für heute.

Friedrich Schorlemmer beleuchtet die faszinierende Persönlichkeit des Reformators und die vielschichtigen Wirkungen der Reformation. Luther – das ist Ringen und Singen, Zweifeln und Klagen, Kämpfen und Ruhen, Beten und Denken, Arbeiten und Bier trinken, Bekennen und Verwerfen, Polemisieren und Vermitteln. Grundangst wechselte mit Urvertrauen, Zuspruch mit Anspruch, innere Freiheit mit bindender Verantwortung. Bei allem Wegweisenden, das Luther aufgezeigt hat, bleibt er eine Figur der Vor-Aufklärung. Schwer begreiflich sind die schrecklichen Entgleisungen in seiner Polemik gegen die Juden, seine Gewaltaufrufe gegen die aufständischen Bauern, seine Unerbittlichkeit gegenüber den Wiedertäufern.

Friedrich Schorlemmer, Theologe aus Wittenberg – wie Martin Luther.

Kritischer Beobachter des Zeitgeschehens und wortgewandt in der Darstellung- auch wie Martin Luther (nur: Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels war Luther nicht.) Er setzt sich auseinander mit spirituellen wie existentiellen, alltäglichen wie politischen Diskussionen und Positionen heute. So klingt im Jahr nach dem Jubiläum der Reformation die weite Wirkung des Reformators nach.

Dienstag, 20.11.2018 18:00 Uhr

Ort: Forum des Peter-Prinz-Bildungshauses,

Ehmsenstr. 7, Arnsberg

Unterstützt durch den Kirchenkreis Arnsberg

In Kooperation mit dem KBW Arnsberg-Sundern

Rückblick

Rückblick zur Veranstaltung mit Friedrich Schorlemmer: „Luther für uns – Luther für heute“ vom 20.11.2018


Etwas mehr als ein Jahr nach dem Ende des großen Reformationsjubiläums 2017 war es der Ev. Akademie Arnsberg gelungen, Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg für eine Veranstaltung zu gewinnen. Er ist ja einer der prominentesten Vertreter des Luthertums in Deutschlands, war in wesentlicher Rolle beteiligt an der Wende in Deutschland 1989 und ist immer noch bekannt durch sein öffentliches Auftreten für Bürgerrechte.

Bei dieser Veranstaltung ging es vor allem um die bleibende Bedeutung der Reformation, denn vor 500 Jahren hallten mit der Reformation Hammerschläge durch Europa. (Den Hammer hatte Schorlemmer gleich mitgebringt, gefunden bei Bauarbeiten an der Wittenberger Schloßkirche und damit untrügliches Zeichen dafür, dass Martin Luther seine Thesen tatsächlich an die Kirchentür genagelt hatte…..)

In seinem Vortrag, der sehr assoziativ war und die gedanklichen Verbindung zu heute nur so hervorsprudelten, zog Schorlemmer immer wieder Brücken zwischen dem Erbe der Reformation und unseren heutigen Problemen, oftmals ausgehend von Lutherzitaten:

- Das berühmte „Hier stehe ich und kann nicht anders“ das weiterführt: ‚sofern er nicht aus der Schrift oder aus Gründen der Vernunft widerlegt werden kann: hier liegt ein Ursprung für die emanzipatorischen Aufbrüche der Neuzeit. Man kann die Wahrheit selbst entdecken!

- „Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott in dir eine große Tat getan hat!“: der Mensch in seiner eigenen Persönlichkeit, das Individuum ist in hohem Maße wertgeschätzt.
Viele Facetten des Wirkens Martin Luthers haben bis heute Bedeutung. Neben den bekannten Schattenseiten war Luther humorvoll, kreativ (Musik!) und sprachgewaltig. Dass seine Erklärung zum Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ in Zeiten von fake news ungeahnte Relevanz erhält; dass seine Begründung zur Einrichtung von Schulen: „damit nicht Grobiane über uns herrschen“ und es auch heutzutage unerlässlich ist, in gesellschaftlichen und politischen Belangen „das Maul aufzutun“, wenn es nötig ist, zeigt die bleibende Bedeutung Luthers.

Es war ein Abend, der Zuhörern -darunter viele katholischen Glaubens!- vermittelte, dass auch nach dem Reformationsjubiläum das Anliegen weiter geht. Darum geht es auch beim Forum Reformation (www.forumreformation.de ) das Friedrich Schorlemmer mit einer Predigt am Reformationstag in Wittenberg eröffnet hat.

Bibelseminar

Rückblick zum Bibelseminar der Ev. Akademie Arnsberg
„Elia und Elisa – Zwei Propheten blicken durch“
Vom 8. – 22.11.2018

An drei Abenden trafen sich interessierte Christenmenschen, um das zu tun, was gut reformatorisch ist: in die Bibel gucken, sich ansprechen lassen, Fragen stellen und verstehen, entdecken, was wichtig für einen selbst ist.

In diesem Jahr ging es um die vorklassischen Propheten Elia und Elisa. Von ihnen wird berichtet im I. und II. Buch der Könige über mehrere Kapitel. Aus dem umfangreichen Textbestand wurden einzelne Geschichten untersucht, nicht ohne den gesamten Zusammenhang zu vernachlässigen und die Ereignisse in die Zeitgeschichte einzuordnen.

Zwei Aspekte verdienen es, in besonderer Weise herausgehoben zu werden:

Gewalt: die Erzählungen um Elia triefen nur so von Gewalttaten. Muss der Glaube sich durch Gewalt durchsetzen? Was führt zu solch religiös motivierter Gewalt? Dies sind Fragen, die sich nicht nur auf das ‚Damals’ richten, sondern -leider!!- höchst aktuell sind (Dass es in damaligen Zeiten auch anders, nämlich friedfertig und versöhnlich zugehen kann, zeigt eine schöne Geschichte von Elisa in II. Könige 6)

Identität des Glaubens: Elia wird als leidenschaftlicher Kämpfer für den Monotheismus des Jahweglaubens gezeigt. Nur war es so, dass dieser Glaube der ‚eingewanderte‘ war, sich in lebhafter Auseinandersetzung mit dem Althergebrachten befand. Wir erleben in unserer Zeit, wie sich die Fragen nach der Identität durch Glauben neu stellt im Zusammenhang, welche Bedeutung der Islam für unser Zusammenleben hat. Und ob nicht dem modernen Fruchtbarkeitskult des ‚Immer größer-weiter-reicher‘ eine biblisch begründete Identität entgegengesetzt werden müsste?

Es waren drei Abende mit intensiven Diskussionen, begünstigt durch kleine Teilnehmerrunden. Aber für die, die dabei waren, war es offensichtlich ein Gewinn. „Es war vieles neu für mich“, sagte eine Teilnehmerin, „das waren großenteils Unbekannte. Und doch von großer Aktualität!“

Lied und Gesang aus dem Judentum

Numi Numi - Hebräische Lieder" Sakrale und weltliche Gesänge aus dem alten und neuen Israel

Esther Lorenz ( Gesang)
Peter Kurz (Gitarre)

Samstag, 10.11.2018, 17.00 Uhr

Ort: Ehem. Synagoge Neheim

Referentin: Esther König


Rückblick Numi Numi

Numi Numi - Hebräische Lieder" Sakrale und weltliche Gesänge aus dem alten und neuen Israel
Ein Konzert zum Gedenken an den 09.November 1938.

80 Jahre ist es her, dass in Deutschland die Synagogen brannten, jüdische Menschen drangsaliert wurden, der schlimmsten Gewalt des Mobs ausgesetzt. Schlimmeres sollte danach noch geschehen.

Die Ev. Akademie veranstaltet mit anderen Trägern jedes Jahr eine Veranstaltung zum Gedenken an dieses Geschehen, um sich diesem dunklen Teil der Vergangenheit bewusst zu bleiben, um Akzente jüdischen Lebens darzubringen, damit aus dem Geschehenen für Gegenwart und Zukunft die richtigen Lehren gezogen werden.

In diesem Jahr war es ein Konzert – ein Liederabend mit Esther Lorenz (Gesang) und Peter Kuhz (Gitarre). Einfühlsam und ausdrucksstark trug Esther Lorenz jüdische Lieder vor; begleitet wurde sie in virtuoser Weise von Peter Kuhz. Er zeigte an zwei Solostücken seine wunderbare Gitarrenkunst. Gut 100 Zuhörer genossen diesen Abend in der Christuskirche in Neheim, die der ehemaligen Synagoge benachbart ist.
In kurzen, moderierenden Texten bettete Esther Lorenz die Lieder ein das jüdische Leben. So war ein Lied verwurzelt in Versöhnungsfest, ein anderes ein jüdisches Schlaflied. Immer wieder wurde auf den Hintergrund und die Wurzeln dieses Liedguts im sephardischen Judentum hingewiesen.

Thomas Bertram, Vorsitzender der Veranstaltergemeinschaft, nutzte den Vergleich, jemandem auch Schweres „mit Honig schmackhaft“ zu machen und schlug den Bogen zum Gedenken. Denn es ist gut, solche Abende zu veranstalten, weil jüdische Kultur bei uns in Deutschland nicht mehr selbstverständlicher Teil ist. Und es ist gut, damit das Gedenken an den 09. November 1938 lebendig zu halten.

Eine Veranstaltung des katholischen Bildungswerk Arnsberg-Sundern e.V. - in Kooperation mit der evangelischen Akademie Arnsberg e.V.

Reformation 2017 - und dann?

Stillstand oder Fortschritt, Glücksfall oder verpasste Chance? Eine Bilanz des Reformationsjubiläums 2017

Im vergangenen Jahr begingen wir das 500. Jubiläum der Reformation. Ein Rückblick durch den Gang der Jahrhunderte zeigt, wie der jeweilige Zeitgeist die Feiern der Jubiläen 1617, 1717, 1817,1917 bestimmte. Immer gehören solche Jubiläen zum Bestandteil kultureller Selbstinszenierung. Die Erinnerung an Vergangenes umfasst dabei nicht immer nur die bloße Wiedergabe von Ereignissen, sondern beinhaltet auch Deutung der Gegenwart. Der ‚Geist einer Zeit‘ wird in den Jubiläumsfeiern ansichtig.

Mit gehörigem Abstand lässt sich die Feier des Reformationsjubiläums betrachten und bewerten, lässt innehalten und fragen, was daraus auch für die Zukunft tragfähig ist.
Zu dem mitunter verklärtem Blick auf einen Mann, der mit der Reformation die Weltgeschichte umgekrempelt hat, kam die kritische Sicht auf einen Reformator, der neben tiefgründigen Einsichten auch abstoßende und verwerfliche Polemik gegen Juden, Bauern und Muslime (Türken) äußerte.

Was bleibt also nach dem Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr? Eine beinah nur binnenkirchliche Aufmerksamkeit, begrenzte gesamtgesellschaftliche Auswirkung, Annäherung der katholischen und evangelischen Kirche? Was wurde eigentlich wie erinnert und gefeiert? Und welche Schlussfolgerungen lassen sich aus dem Rückblick für die Zukunft ziehen?

Dienstag, 06.11.2018, 18.00 Uhr

Ort:
Bürgerzentrum Bahnhof, Clemens-August-Str. 116

Referentin: Dr. Annina Ligniez, Herford


Rückblick Reformation 2017

Rückblick zur Veranstaltung der Ev. Akademie
„Reformation 2017- und dann? Stillstand oder Fortschritt, Glücksfall oder verpasste Chance? Eine Bilanz des Reformationsjubiläums 2017.“ 06.November 2018
525.600 Minuten ist es her, dass das 500. Jubiläum der Reformation gefeiert wurde. Und nun- so viel Minuten später? Was ist das Besondere des Reformationsjubiläums, das wir im vergangenen Jahr ausgiebig gefeiert haben?

Dr. Annina Ligniez, heute aus Enger, gehörte der Forschungsgruppe an, die von der EKD eingesetzt worden war, um die Reformationsjubiläen vergangener Zeiten zu untersuchen. In sehr lebendiger, anschaulicher und aufschlussreicher Weise verstand sie es, die Besonderheit der Feierlichkeiten in 2017 herauszuarbeiten.
Die ökumenische Offenheit der Kirchen füreinander wird von diesem Jubiläum in Erinnerung bleiben. Dafür steht z.B. das Bild der beiden leitenden Repräsentanten der beiden großen Kirchen, Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Kardinal Marx beim Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim.

Das Jubiläum der Reformation in den vergangenen Jahrhunderten geschah häufig in gesellschaftlichen und politischen Umbruchsituationen: 1917- im I. Weltkrieg, mit starker nationaler Ausrichtung. 1817- ebenfalls im erwachenden Nationalbewusstsein nach den Napoleonischen Kriegen. 1717- im Konflikt zwischen dem Geist der Aufklärung und der beharrenden Orthodoxie. 1617- am Vorabend des 30-jährigen Krieges, eingebettet in den Krisen und Kriegen um Religion und Macht und Vorherrschaft.

Als Bilanz des Reformationsjubiläums 2017 zog die Referentin das Fazit: Es war ökumenisch ausgerichtet. Nicht auf den konfessionellen, nationalen Aspekt eingeschränktEs stellte Martin Luther nicht nur als Heroengestalt dar. Auch seine Schattenseiten (Juden/Türken/die Gegner überhaupt) wurden bearbeitet. Es hatte eine enorme Breitenwirkung innerkirchlich und in der Öffentlichkeit. Bemerkenswert waren die vielen Projekte in den Jahren zuvor (Luther-Dekade) und in Kirchenkreisen und -gemeinden. Die umfangreiche Renovierung der Lutherstätten sorgte für einen Touristenstrom. In medialer Hinsicht bekam die Kirche insgesamt ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Aber: nicht bei allen Ereignissen wurden die erwarteten Teilnehmerzahlen erreicht, so beim Schlussgottesdienst des Kirchentags in Wittenberg. Lässt sich ein „Erfolg“ eines solchen Projekts in zahlen überhaupt ausdrücken?

Im Fazit des Reformationsjubiläums 2017 lässt sich festhalten, dass es in besonderer Weise identitätsstiftend gewirkt hat. Innerkirchlich wie auch gesellschaftlich hatte es eine vergewissernde Wirkung.
Ein spannender, aufschlussreicher Abend!

Hörst Du mir eigentlich zu, Martinus?

Die Tischrede der Katharina von Bora
Eine Inszenierung von und mit Jutta Juchmann

„Ich muss mir den Doktor anders gewöhnen, auf das er`s macht, wie ich will!“ diesen Vorsatz fasste Katharina von Bora bereits kurz nach der Hochzeit. Damit hatte sie Erfolg. Nannte Dr. Martinus Luther sie doch „mein Herr Käthe“ und fügte hinzu, der Mann solle der Herr im Hause sein – „wenn die Frau nicht daheim ist“.

Käthe verwandelte das kalte Kloster in ein Heim, den Friedhof in einen Obst- und Gemüsegarten sowie den abgezehrten Martinus in einen gut genährten Mann. Sie lud ihre Nachbarinnen zum Selbstgebrauten ein, vertrieb ihrem Gatten die schwarzen Gedanken und linderte seine Gallenkoliken mit einem Trunk aus Knoblauch und Pferdeäpfeln, ob es ihm schmeckte oder nicht.

Hören Sie, was Katharina von Bora erzählt vom Alltag, von Pflaumenbäumchen und vom Eheleben der Luthers. Von Dingen, die mal gesagt werden mussten und doch von Scholaren niemals niedergeschrieben wurden …


Freitag, 04.05.2018, 19.30 – 21.45

Inszeniert von Jutta Juchmann, Arnsberg

Ort: Arnsberg, Auferstehungskirche, Neumarkt 3

Wir arbeiten zusammen:

Eine Veranstaltung des katholischen Bildungswerk Arnsberg-Sundern e.V. - in Kooperation mit der evangelischen Akademie Arnsberg e.V.

Luther und die Politik.....

Luther und die Politik.
Bedeutung und Auswirkung der Reformation für politisches Handeln heute

Als kleine Nachlese zum Reformationsjubiläum sollen Ansätze bzw. Anregungen des Reformators zum Thema der politischen Verantwortung aus einer Perspektive dargestellt und diskutiert werden, die nicht von vornherein mit der sog. Zwei-Reiche-Lehre verknüpft ist.
Es geht um die Frage, was jedem Menschen als ureigenes Recht zukommt, so wie sie heute vor allem in der Debatte um die politische und soziale Gerechtigkeit gestellt wird. Diese Grundlage erlaubt es, politische und soziale Rechte und Institutionen sowie Orientierungen (vor allem für politisch Verantwortliche) zu beurteilen, zu erweitern oder zu modifizieren.
Sind die Überlegungen des Reformators Anlass für die immer wieder beklagte lutherische Obrigkeitshörigkeit gewesen? Oder lassen sie sich heute auch anders verstehen?

Eine Veranstaltung der Evangelischen Akademie Arnsberg

Donnerstag, den 19.April 2018, 18.00 Uhr,

Forum Peter Prinz Bildungshaus, Ehmsenstr. 7, Arnsberg

Referent: Prof. Dr. Chr. Frey, Bochum


Wir arbeiten zusammen:


Rückblick: Luther und die Politiik

Rückblick zur Veranstaltung: Luther und die Politik
Mit Prof. Christofer Frey, Bochum am 19. April 2018

Wenn jemand der Meinung war, nach dem Jahr des Reformationsjubiläums und aller möglichen -und unmöglichen- Darstellungen, Betrachtungen und Vorträgen zu Luther und seiner Wirkung gäbe es nichts Neues – der wurde bei dieser Gelegenheit eines Besseren belehrt.
Christofer Frey, emeritierter Professor für Ev. Systematische Theologie/Sozialethik an der Ruhr – Uni Bochum, verstand es, mit einprägsamen Beispielen aus den Texten Luthers noch unbekannte Seiten hervorzuheben.
So denkt man bei „Luther und die Politik“ an die Trennung von staatlicher und kirchlicher Gewalt, an Untertanenhörigkeit. Aber eine ganz andere Sicht bietet die Gemeindeordnung von Leisning bei Leipzig, die Luther entworfen hat. Hier sind beide „Regimenter“ der zwei Reiche zusammengebunden und nehmen Verantwortung gemeinsam wahr. Mit der Verwaltung des „gemeinen Kastens“, der Armenfürsorge, war eine Sozialordnung entworfen, die im Unterschied zur „Zwei-Reiche-Lehre“ von der Kirche umgesetzt wurde.
An anderen Beispielen wie der Auslegung Luthers zum Lobgesang Marias, dem Magnificat in Lk. 1, konnte Prof. Frey zeigen, wie aus der biblischen Fundierung eine Ausrichtung entstand, die Partei für die Armen ergriff und deren Möglichkeit zur Teilhabe einforderte. Dabei galt für Luther die Maxime des Friedens, der größer ist und wirkt -ganz im Unterschied zu seinen anderen Äußerungen wie gegen die Bauern. Von einer anderen Bibelstelle, dem Einschreiten des Propheten Nathan gegen den König David (2. Samuel 12), und der Auslegung Luthers ausgehend beschrieb Prof. Frey eindrücklich, wie Luther hier Distanz zu den Mächtigen begründet und in der Folge einen „Fürstenspiegel“ zur Beurteilung der staatlichen Gewalt als kritische Instanz entwirft.
Mit einer Fülle neuer Eindrücke und bereichert durch weitere Einsichten in das Wirken des Reformators konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Abend nach Hause gehen. Es gibt noch viele wenig bekannte Seiten an Martin Luther zu entdecken!

Christen und Muslime

Prof. H.M. Barth, Marburg

Christen und Muslime- was verbindet uns; was unterscheidet uns?

Ein Beitrag zum interreligiösen Dialog

Christen und Muslime wohnen nebeneinander, arbeiten miteinander, leben zusammen in einer Stadt. Dabei wissen wir oft nicht viel über einander, auch nicht über den jeweiligen Glauben, der oft so trennend wirkt.

Prof. Dr. H.-M. Barth, emeritierter Religionswissenschaftler aus Marburg, begibt sich mit uns auf eine erstaunliche Spurensuche. Er beschreibt das Vorhaben so:

Was verbindet Christen mit Muslimen? Es ist mehr, als wir uns dessen normalerweise bewusst sind. Es lohnt sich darüber nachzudenken! Nach einem Referat über dieses Thema diskutieren wir, wie wir unsere Wahrnehmung schärfen und erweitern können. In einem zweiten Teil des Abends werden wir uns einige klassische Stellen des Korans exegetisch und meditativ vor Augen führen (etwa Sure 1, Lichtvers, Thronvers). Gesprächsweise werden wir versuchen, uns über Nähe und Distanz dieser Koran-Aussagen zur biblischen Tradition klar zu werden.

Prof. Dr. H.-M. Barth, Marburg

Donnerstag, den 08. März 2018, 18.00 Uhr

Ort: Bürgerzentrum Bahnhof

Wir arbeiten zusammen:


Rückblick "Christen und Muslime

Rückblick „Christen und Muslime – was verbindet uns; was unterscheidet uns?“ mit Prof. H.-M. Barth, Marburg

Der Saal im Bürgerzentrum Bahnhof Arnsberg war gut gefüllt, als Prof. H.-M. Barth, systematischer Theologe und Religionsphilosoph, mit seinem Vortrag zu Christen und Muslimen das Interesse der Zuhörenden weckte. Er zeigte auf, dass es zwischen beiden Religionen starke Verbindungslinien gibt: beide gehen von einem Gott aus, der sich den Menschen offenbart; beide sind eine Religion der Schrift, in beiden spielt die Nächstenliebe eine große Rolle und mehr. Natürlich wird man sogleich auch der Unterschiede gewahr, die sich herausgebildet haben.
Prof. Barth blieb dabei nicht nur im theoretischen Vergleich. Er berichtete anschaulich vom „Runden Tisch der Religionen“ in Marburg. Im interreligiösen Dialog kommt es darauf an, miteinander ins Gespräch zu kommen. Daher ist als einziger Mangel dieses Abends zu verzeichnen: wir hätten uns sehr Teilnehmende und Gesprächspartner muslimischen Glaubens gewünscht.
Die Ev. Akademie hat in der Vergangenheit eine Reihe von Veranstaltungen angeboten, die den interreligiösen Dialog pflegt: Besuch des Hindu-Tempels, Begegnung mit der koptischen Kirche (P. Damian), zum Gespräch Christen – Muslime (M.Khorchide) – Juden (in 2015) und setzte mit dieser Veranstaltung die Reihe fort, mit anderen Religionen ins Gespräch zu kommen.

MARTIN LUTHERS TESTAMENT

Luthers Testament

(Evangelische Kirche in Deutschland)


Eine Veranstaltung in der Reihe „Luther lesen“

Schon als junger Seelsorger hatte Luther seiner Gemeinde einen guten Rat für ein "seliges Sterben" gegeben: man solle beizeiten seinen Nachlass regeln und ein Testament verfassen.

Diesem Ratschlag folgte er selber, als er an Epiphanias 1542 im Beisein seiner besten Freunde seinen Letzten Willen handschriftlich niederlegte - was diese ebenfalls schriftlich bezeugen.

Diese vier Seiten von Luthers Hand (und die Bezeugung) haben sich bis heute im Original erhalten. Eine Lektüre dieses Dokuments lohnt allemal.
Es ist keinesfalls ein trockener Text: selbst in diesem "juristischen" Dokument kann er seine Theologie und seine Sprachkraft nicht verleugnen.

Wer sich für das Erbrecht (damals und an sich) interessiert und wer mitbekommen möchte, wie aus einer Vernunftheirat eine innige und berührende Liebe wurde, ist herzlich eingeladen, unter der Anleitung von Carl-Ernst Kattwinkel dieses Dokument gemeinsam zu lesen.

Pfr. i.R. Carl-Ernst Kattwinkel, Neheim

Sonntag, den 4. Februar 2018 um 17.oo Uhr

Im Gemeindehaus Christus-Kirche Burgstraße/Gransauplatz

Eine Veranstaltung der Ev. Kirchengemeinde Neheim

Rückblick Luthers Testament

Veranstaltung vom 04.02.2018 mit Pfr. i.R. C.-E. Kattwinkel

Nach einem Jahr des Reformationsjubiläums mit allerlei Veranstaltungen, Vorträgen, Ausstellungen, Beiträgen und vielen ‚Events‘-auch mitunter ‚Lutherallalla‘ genannt- möchte man meinen, dass es keinen Bereich gegeben hat, der noch nicht einer näheren Betrachtung unterzogen worden wäre. Umso mehr waren die etwa 30 interessierten Teilnehmer überrascht, dass mit „Luthers Testament“ doch ein noch etwas unbekanntes Thema in den Mittelpunkt gerückt wurde.

Dabei verstand es der Referent, Pfarrer i.R. Kattwinkel, in glänzender Weise, sowohl den zeitgeschichtlichen Hintergrund zu beleuchten, als auch die besondere menschliche Seite des Reformators darzustellen. Luther fand schon früh – im „Sermon von der Bereitung zum seligen Sterben“-, dass es eine sinnvolle und vernünftige Hilfe sei, beizeiten zu regeln, was nach dem Tode mit der eigenen Hinterlassenschaft zu tun sei. (Um Frieden zu halten und „Urlaub vom Geld“ zu haben). Diese Einsicht hält sich bis heute.

Eine bedeutende Besonderheit der damaligen Zeit war, dass Luther seiner Frau Katharina die Vormundschaft über seine Kinder übertrug. Für seine Zeit eine geradezu umwerfende Maßnahme, die viel über die Wertschätzung der Frau aussagt, wenn Luther schreibt: „ denn ich halt, das die Mütter werde yhrer eigen Kinder der beste fürmünde sein, vnd solch gütlin vnd leibgedinge nicht zü der Kinder schaden oder nachteil, sondern zü nütz vnd besserüng braüchen, al die yhr fleisch vnd blüt sind und sie vnter yhrem hertzen getragen hat.“ Eine Verfügung übrigens, die schnell nach Luthers Tod die Juristen des Kurfürsten wieder kassierten…..

Mit dem Testament Luthers konnte C.-E. Kattwinkel sehr schön auch die angenehme menschliche Seite Martin Luthers herausstellen: Ein fürsorglicher, klarsichtiger Mann, der oftmals sich dem Tode nahe fühlte, selten so vorausschauend wie bei seinem Testament. In seinem Testament spricht die liebevolle Beziehung zu seiner Frau aus der Begründung: „…das sie mich als ein from, trew,ehlich gemalj, allzeit lieb, wird und schon gehalten….“
Ein gelungener Nachklang zum ‚Luther-Jahr‘!

© Evangelische Akademie Arnsberg